057 Auffädelmöbel
Leutschenbachstrasse, Zürich - Schweiz
2022 - 2025
Konzept
Wohnsiedlung Leutschenbach – Alltagstaugliche Vielfalt im Aussenraum
Die Wohnsiedlung Leutschenbach in Zürich Seebach ist eines der grössten Projekte im sozialen Wohnungsbau der Stadt Zürich. Entwickelt von Clou Architekten und realisiert vom Amt für Hochbauten, umfasst sie rund 400 Wohnungen mit unterschiedlichen Wohnformen, von Wohngemeinschaften bis zu Wohnateliers. Der Blockrand wird im Inneren durch zweigeschossige Kleinbauten gegliedert, die an frühere industrielle Nebengebäude erinnern.
Pergolen aus Stahl strukturieren die Aussenräume, definieren Vorzonen und Eingänge und schaffen klar lesbare Gartenzimmer. Sie gliedern den Hof räumlich, reduzieren visuelle Unruhe und erzeugen überschaubare, wiedererkennbare Teilräume. Rankpflanzen übernehmen die Kühlung dort, wo aufgrund der Tiefgarage keine Bäume wachsen können.
Auffädelmöbel – ein robustes System für unterschiedliche Bedürfnisse
Die Möbelfamilie wurde spezifisch für die Aussenräume der Siedlung entwickelt. Ihr Massstab orientiert sich am Raster der Pergolen und ist bewusst grösser als bei üblichen Aussenraummöbeln, um Präsenz, Klarheit und Orientierung im Hof zu schaffen.
Das konstruktive Prinzip ist einfach und gut lesbar: unbehandelte Holzbalken werden auf Gewindestangen aufgefädelt, Stahl beschränkt sich auf Füsse und Verbindungselemente. Rückenlehnen, Armlehnen und Aufhängungen entstehen aus demselben System. Die Konstruktion ist nachvollziehbar, reparierbar und langlebig. Unbehandeltes Douglasienholz dient als CO₂ Speicher, der minimale Stahleinsatz reduziert Komplexität und Wartungsaufwand. Die Produktion bei Burri Public Elements in Zürich schliesst den lokalen Kreislauf.
Ein System statt Einzelobjekte
Aus dem Grundprinzip entstehen 17 unterschiedliche Typen, darunter Hängesessel, Sessel, Hocker, Spieltische, Tische, schräge Liegen oder Balancierbalken. Die Möbel sind nicht auf eine einzelne Nutzung festgelegt, sondern ermöglichen unterschiedliche Aufenthaltsformen nebeneinander.
Kleine Sessel bieten Platz für zwei Personen, Tête à Tête Bänke erlauben Gespräch mit Distanz, schräge Liegen werden im Kindergarten altersgerecht zum Rutschen genutzt. Mobile Tische und Bänke lassen sich vor Gemeinschaftsräumen aneignen und wieder neu positionieren. Das System erlaubt individuelle Wahlmöglichkeiten, ohne den Raum zu überladen oder zu fragmentieren.
Gartenzimmer als Rückzugs und Begegnungsräume
Die Pergolen fassen die Aussenräume zu klar definierten Gartenzimmern. Sie bieten sowohl Orte der Begegnung als auch Rückzugsmöglichkeiten. Hängesessel und Loungesessel bilden überschaubare Sitzgruppen, Holzspielzeuge am Hängeseil regen Bewegung an.
Die Räume sind offen für alle Bewohnerinnen und Bewohner, bieten aber zugleich sichere Aufenthaltsorte für unterschiedliche Communities, darunter auch LGBTQIA+ Gruppen. Die Gestaltung vermeidet eindeutige Zuschreibungen und lässt vielfältige Nutzungen zu.
Der Hängesessel kann mit den Füssen leicht seitlich bewegt werden. Diese einfache Bewegung unterstützt Eigenregulation, erlaubt flexible Blickrichtungen und reduziert Fixierung. Die am Seil befestigten Holzkugeln laden zum Tasten, Bewegen und Spielen ein. Körperliche Aktivität, taktile Reize und visuelle Übersicht greifen ineinander. Für Personen mit erhöhter sensorischer Wahrnehmung oder Aufmerksamkeitsdynamik können solche Angebote regulierend wirken, ohne explizit darauf ausgelegt zu sein.
Gestaltung als Beitrag zur Alltagsgesundheit
Die Auffädelmöbel und die Gartenzimmer sind Teil eines übergeordneten landschaftsarchitektonischen Konzepts und keine losgelösten Objekte. Sie wirken im Zusammenspiel mit Pergolen, Bepflanzung, Wegeführung und Raumabfolgen und sind als integrierte Elemente des Aussenraums gedacht. Gesundheit entsteht hier nicht durch Einzelmassnahmen, sondern durch das Zusammenwirken von Struktur, Massstab, Materialität und Nutzungsmöglichkeiten.
Die Gestaltung folgt keinem spezialisierten Inklusionskonzept, sondern versteht Vielfalt als normalen Zustand. Klare räumliche Gliederung, robuste Konstruktionen, vorhersehbare Nutzungsmöglichkeiten und individuelle Wahlfreiheit schaffen Aussenräume, die unterschiedliche Nervensysteme mitdenken. Bewegungsangebote, veränderbare Sitzpositionen und sensorisch lesbare Elemente unterstützen insbesondere Menschen mit Aufmerksamkeitsdynamiken oder erhöhtem Bewegungsbedürfnis, etwa bei ADHS, ohne sie zu markieren oder zu separieren.
Gestaltung wird so zu einem selbstverständlichen Teil der Landschaftsarchitektur und zu einem Beitrag zu sozialer Integration, Teilhabe, Aufenthaltsqualität und mentaler Entlastung im Alltag.
Team
Bauherrschaft
Amt für Hochbauten, Stadt Zürich
Landschaftsarchitektur
Atelier Oriri
Design Möbel
Winfried Schneider & Atelier Oriri
Hersteller Möbel
Burri Public Elements AG