Wahrnehmung, Orientierung und Aufenthaltsqualität im Raum
Neurodivergente Raumgestaltung
„Räume beeinflussen Wahrnehmung, Orientierung und Stress unmittelbar. Neurodivergente Gestaltung untersucht, wie Licht, Akustik, Materialität, Übergänge und räumliche Struktur Nutzung unterstützen oder Überforderung erzeugen können. Daraus entstehen ruhigere, lesbarere und langfristig nutzbare Räume.“
Arbeitsfelder neurodivergenter Gestaltung
Neurodivergente Gestaltung untersucht, wie räumliche Strukturen Wahrnehmung, Orientierung und Nutzung beeinflussen. Im Fokus stehen Reizregulation, Lesbarkeit, Aufenthaltsqualität und selbstbestimmte Nutzung.
Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Landschaftsarchitektur und Produktdesign. Anwendung findet sie in öffentlichen Räumen, Bildungs- und Arbeitsumgebungen, Gesundheitsinfrastruktur sowie Aufenthalts- und Übergangssituationen mit hoher sensorischer oder sozialer Dichte.
Räumliche Interventionen
Die räumlichen Massnahmen orientieren sich an wiederkehrenden Anforderungen an Orientierung, Reizreduktion und Selbstregulation.
Dazu zählen unter anderem:
• Lichtführung und Kontraste
• Akustik und Materialität
• Übergänge und Schwellen
• Wegeführung und räumliche Logik
• Rückzugs- und Aufenthaltszonen
• flexible Nutzungs- und Sitzangebote
• Vegetation, Mikroklima und räumliche Filter
Die einzelnen Elemente wirken nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel räumlicher Atmosphäre und Nutzung.
Vorgehen und Zusammenarbeit
Die Projekte entstehen in enger Abstimmung mit Auftraggebenden, Nutzergruppen und beteiligten Fachpersonen. Der Umfang reicht von ersten räumlichen Einschätzungen und Gesprächen bis zu vertieften Analysen, Konzeptentwicklungen und planerischen Grundlagen.
Je nach Kontext umfasst der Prozess:
• Analyse bestehender Situationen
• Wahrnehmungs- und Nutzungsanalyse
• Recherche und fachlicher Austausch
• Entwicklung räumlicher Strategien
• Skizzen, Konzepte und Visualisierungen
• Begleitung von Pilotprojekten und Umsetzungen
Leistungen und Resultate
Die Resultate entstehen abhängig von Ort, Nutzung und Aufgabenstellung.
Dazu zählen:
• räumliche Strategien
• Konzeptstudien
• Planungsgrundlagen
• Leitfäden und Dokumentationen
• räumliche Interventionen
• Möbel- und Mikroarchitekturkonzepte
• Beiträge innerhalb interdisziplinärer Planungsprozesse
Neurodivergente Gestaltung versteht sich als situationsbezogene räumliche und systemische Planungsaufgabe.
Haltung und Arbeitsfelder
Räumliche Wirkprinzipien
Neurodivergenz und Raum
berücksichtigt unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen im Alltag. Neben neurodivergenten Menschen entstehen vergleichbare räumliche Anforderungen auch durch Stress, Krankheit, Erschöpfung oder altersbedingte Veränderungen.
Neurodivergenzrelevante Gestaltung adressiert deshalb grundlegende Anforderungen an Orientierung, Reizreduktion und selbstbestimmte Nutzung im öffentlichen Raum. Räume mit klaren Übergängen, lesbaren Strukturen und nachvollziehbarer Nutzung unterstützen dabei Konzentration, Sicherheit und Aufenthaltsqualität.
Was ist Neurodivergenz?
Einordnung
Neurodivergenz beschreibt unterschiedliche Arten, Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Reizregulation zu erleben. Dazu zählen unter anderem Autismus, ADHS, Hochsensibilität sowie weitere neurokognitive Ausprägungen.
Schätzungen gehen davon aus, dass rund 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung neurodivergente Wahrnehmungsprofile aufweisen. Hinzu kommen Menschen, deren Belastbarkeit sich durch Stress, Krankheit, Erschöpfung oder Alter verändert. Neurodivergenzrelevante Gestaltung betrifft deshalb nicht nur einzelne Gruppen, sondern alltägliche Nutzungssituationen vieler Menschen.
Wahrnehmung und Raum
Räume beeinflussen Orientierung, Konzentration und Selbstregulation unmittelbar. Licht, Akustik, Materialität, Übergänge, Wegeführung und Informationsdichte entscheiden darüber, ob ein Raum als verständlich, ruhig und sicher wahrgenommen wird oder Überforderung erzeugt.
Für neurodivergente Menschen können starke Reize, unklare Abläufe oder hohe Entscheidungsdichte dazu führen, dass Konzentration abbricht, Stress entsteht oder Rückzug notwendig wird. Was für manche beiläufig bleibt, kann für andere anstrengend oder blockierend wirken.
Neurodivergente Raumgestaltung
Neurodivergente Raumgestaltung untersucht, wie räumliche Strukturen Wahrnehmung und Nutzung beeinflussen. Im Fokus stehen Reizreduktion, Orientierung, Vorhersagbarkeit und die Möglichkeit zur Selbststeuerung.
Sie versteht sich nicht als Sonderlösung, sondern als Teil zeitgemässer Gestaltung. Räume, die neurodivergente Menschen entlasten, verbessern häufig auch die Nutzbarkeit für viele andere Gruppen — etwa für Menschen unter Zeitdruck, in Belastungssituationen oder mit unterschiedlichen körperlichen und sprachlichen Voraussetzungen.
Räumlicher und gesellschaftlicher Mehrwert
Klar strukturierte und reizreduzierte Räume unterstützen stabile Nutzung, reduzieren Stress und erleichtern Entscheidungen im Alltag. Erkenntnisse aus inklusiver Gestaltung, Cognitive Accessibility und Umweltpsychologie zeigen, dass Orientierung, Lesbarkeit und sensorische Qualität wesentliche Faktoren langfristig nutzbarer Räume sind.
Neurodivergente Raumgestaltung versteht Räume deshalb als Systeme für Wahrnehmung, Orientierung und selbstbestimmte Nutzung.
Gestalterische Wirkung
Räume beeinflussen Wahrnehmung, Orientierung und Handlungsfähigkeit unmittelbar. Licht, Wegeführung, Übergänge, Vegetation und Informationsdichte bestimmen gemeinsam, ob ein Raum intuitiv verständlich bleibt oder Überforderung erzeugt.
Lesbarkeit beschreibt die unmittelbare Erfassbarkeit räumlicher Strukturen ohne zusätzliche kognitive Anstrengung. Daraus entstehen Orientierung, Sicherheit und die Möglichkeit, Räume selbstbestimmt zu nutzen.
Gerade in öffentlichen Räumen und Übergangszonen entscheidet diese Wirkungskette darüber, ob Räume unterstützend oder belastend wahrgenommen werden.
Systemischer Mehrwert
Neurodivergente Raumgestaltung wirkt über einzelne Nutzergruppen hinaus. Sie verbessert grundlegende Bedingungen der Raumnutzung durch geringere kognitive Last, klare räumliche Logiken und gut lesbare Strukturen. Informationen können schneller erfasst, Situationen besser eingeschätzt und Entscheidungen sicherer getroffen werden.
Dadurch entstehen Orientierung, Sicherheit und eine stabilere Nutzung im Alltag. Aufenthalte werden seltener abgebrochen, Wege intuitiver verstanden und Räume langfristig verlässlicher nutzbar.
Räume, die neurodivergente Anforderungen berücksichtigen, funktionieren damit für viele Menschen besser und stärken die langfristige Nutzbarkeit öffentlicher Räume.
Beispiele Projekte
Beispiel 1
Ein Sitzring im Herzen Usters
Der Stadtgarten bildet das ruhige Zentrum der autofreien Fussgängerzone in Uster. Als klar gefasster Aufenthaltsort schafft er Orientierung, reduziert Reize und bildet einen Gegenpol zur umliegenden Bewegung.
Im Mittelpunkt liegt ein grosser Sitzring mit dicht bepflanztem Staudenbeet. Vegetation filtert Geräusche, strukturiert Blickbezüge und setzt sanfte visuelle Reize. Grosskronige Bäume spenden Schatten, reduzieren Hitze und verbessern das Mikroklima.
Die ringförmige Sitzstruktur ermöglicht unterschiedliche Aufenthaltsformen zugleich. Gegenüberliegende Sitzplätze fördern Begegnung, während Tiefe, Abstand sowie Rücken- und Armlehnen Rückzug, Sicherheit und individuelle Nutzung unterstützen. Das warme Holz wirkt haptisch angenehm und ruhig.
So entsteht ein klar lesbarer Aufenthaltsort, an dem Ruhe, Beobachtung und soziale Nutzung gleichzeitig möglich bleiben. Der Stadtgarten wird zu einem sozialen Anker und Rückzugsraum innerhalb der Fussgängerzone.
Ein Drehsessel mit und für Bewegung
Ein Hängesessel als ruhiger, eigener Ort im Aussenraum. Die Seilkonstruktion erlaubt leichte, pendelnde Bewegungen, die mit den Füssen oder dem Körper selbst gesteuert werden können. Bewegung entsteht beiläufig und unterstützt Konzentration, Aufmerksamkeit und Spannungsregulation.
Am Seil aufgefädelte Holzelemente lassen sich verschieben, ertasten oder gegeneinander bewegen. Die einfachen taktilen Reize wirken beruhigend, binden die Hände und ermöglichen Fokus, ohne visuell oder akustisch zu überfordern.
Das warme Holz, die klare Zonierung und die leichte Abschirmung im begrünten Aussenraum schaffen einen geschützten Rückzugsort. Der Sessel bietet Nähe und Distanz zugleich und erlaubt unterschiedliche Blickrichtungen sowie selbstbestimmte Nutzung.
Der Hängesessel ist weder Spielgerät noch klassisches Sitzmöbel. Er ist ein räumliches Angebot zur Selbstregulation, zur Bewegung im Sitzen und zum Aufenthalt im eigenen Rhythmus.
Sitzbänke als ruhige Beobachtungspunkte
Die Sitzobjekte an der Wolfgang-Pauli-Strasse am ETH Hönggerberg bieten klar definierte, stabile Sitzpositionen ohne Mehrdeutigkeit. Gleichzeitig werden sie nicht als klassische Stuhl- oder Bankreihe gelesen, sondern als zusammenhängendes Objekt im Raum. Das durchgehende, als eine Linie konzipiertes Stahlrohr fasst die Sitzplätze und lädt dazu ein, mit der Hand entlangzufahren, zu greifen und zu tasten. Orientierung und Halt entstehen über Körperkontakt.
Die Sitzmöbel stehen in direkter Beziehung zu den angrenzenden Raingardens. Vegetation und Wasser filtern Geräusche, binden den Blick und schaffen durch Verdunstungskühlung ein spürbar angenehmes Mikroklima. Der Aufenthalt bleibt auch an warmen Tagen ruhig und entlastend. Natur und Konstruktion wirken als Einheit.
Die farbigen Metallsitzlatten setzen zurückhaltende visuelle Reize und unterstützen Wiedererkennung ohne Überlagerung. Für neurodivergente Menschen, etwa mit erhöhter sensorischer Wahrnehmung oder Aufmerksamkeitsdynamik, entsteht ein Ort zwischen Bewegung und Rückzug. Man kann beobachten, pausieren oder weitergehen, ohne sich festlegen zu müssen.
Die Bänke ermöglichen Teilhabe mit Distanz. Sie stärken Selbststeuerung, Sicherheit und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.
Neurodivergente Gestaltung versteht Räume als Systeme für Wahrnehmung, Orientierung und selbstbestimmte Nutzung. Im Fokus stehen Lesbarkeit, Reizregulation, Aufenthaltsqualität und langfristig tragfähige Nutzung im Alltag.
Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Landschaftsarchitektur, Produktdesign und räumlicher Wahrnehmungsforschung. Gestaltung wird dabei als Werkzeug verstanden, um räumliche Komplexität verständlich, belastbar und aneigenbar zu machen.
Die Projekte entstehen im Austausch mit Auftraggebenden, Fachpersonen, Nutzergruppen und interdisziplinären Partnerinnen und Partnern aus Gestaltung, Forschung, Bildung und Interessenvertretung.
Dazu zählen unter anderem:
• NeuroSpektrum
• Autismus Schweiz
• Verein Neurodivergent Zürich
• The Spatialists
• Hindernisfreie Architektur
Weitere Kooperationen, Pilotprojekte und fachliche Vertiefungen befinden sich in Entwicklung.