050 Mauerweg Berlin
Mauerweg, Berlin, Deutschland
2021 Beitrag Geladener Wettbewerb
Projekt
Historische Erinnerungen neu erlebbar machen
Der Berliner Mauerweg, ein etwa 160 Kilometer langer Pfad, folgt dem ehemaligen Grenzverlauf um West-Berlin. Diese bedeutende Route führt durch verschiedenste Landschaften – von städtischen Gebieten über Wälder, offene Flächen, Seen, Naturschutzgebiete und Moore bis hin zu Friedhöfen und dem Regierungsviertel. Als zentrales Denkmal deutscher Geschichte hat der Mauerweg auch eine europäische Tragweite.
Ein zeitgemäßes Möblierungskonzept
Im Rahmen eines geladenen Verfahrens entwickelten Winfried Schneider und Susanne Lüschen (Dipl. Arch SIA) in Zusammenarbeit mit Timbatec Ingenieure Zürich eine Konzeptidee für die Möblierung des Mauerwegs. Ziel war es, sich materialtechnisch an die Erneuerung der Orientierungsstelen anzulehnen, die von der Vangenhassend GmbH entworfen wurden. Die Wahl von Cortenstahl – einem Material, das in Gedenkstätten entlang der Berliner Mauer häufig verwendet wird – schafft eine durchgängige und respektvolle Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Wiedererkennbarkeit für den öffentlichen Raum
Der Verlauf des Berliner Mauerwegs ist heute oft schwer zu erkennen – mal sichtbar, mal nahezu unsichtbar. Die Möbel übernehmen hier eine zentrale Aufgabe: Sie machen dieses historische Denkmal im Stadtraum wieder erlebbar und schaffen visuelle Ankerpunkte, die verdeutlichen: „Hier war der Mauerweg!“ Mit ihrer markanten Silhouette heben sie sich deutlich von ihrer Umgebung ab, laden von allen Seiten zum Verweilen ein und ergänzen das Stelensystem harmonisch durch ihre Materialität und klare Formensprache.
Ein menschliches Möbel für Begegnungen
Ein besonderer Wesenszug des Möblierungskonzepts ist das eingelaserte Muster in den Möbeloberflächen. Es zeigt Aststrukturen, Stadtgrundrisse oder sich kreuzende Wegesysteme. Diese konkrete, künstlerische Gestaltung regt vielfältige Assoziationen an, steht für Begegnungen und reflektiert das, was die Mauer über Jahrzehnte verhinderte: Offenheit und Verbindungen zwischen Menschen.
Die Bänke sind bewusst so konzipiert und aufgestellt, dass sie Interaktion fördern – ob gegenüber, seitlich oder nebeneinander. Sie schaffen Raum für Austausch und machen alltägliche Dialoge im öffentlichen Raum möglich. Das Muster erfüllt zudem praktische Funktionen: Regenwasser läuft problemlos ab, und eine schützende Klarlackschicht sorgt für angenehmen Sitzkomfort bei jedem Wetter.
Individuelle Farbvarianten für unterschiedliche Kontexte
Das Möbeldesign ist in drei Farbvarianten erhältlich, die auf die vielfältigen Umgebungen entlang des Mauerwegs abgestimmt sind:
- Verzinkt: Standardvariante für Parkanlagen wie den Görlitzer Park oder den Mauerpark.
- Cortenstahl: Geeignet für geschichtsträchtige Orte wie Gedenkstätten an der Bernauer Straße.
- Dunkler Farbton: Für stille Orte wie die Museumsinsel, Friedhöfe oder das Regierungsviertel.
Barrierefreiheit und Vielseitigkeit
Die Möbel erfüllen den Berliner „Design for All“-Standard und sind auch für Menschen mit Einschränkungen zugänglich. Mit Arm- und Rückenlehnen bieten sie zusätzlichen Komfort und Flexibilität. Neben den geforderten fünf Möbeltypen wurde geprüft, ob klassische Typologien wie Doppel- oder Rundbänke in das Konzept integriert werden können.
Nachhaltigkeit und Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart
Das Konzept setzt auf langlebige Materialien wie Stahl und verknüpft die historische Bedeutung des Mauerwegs mit zeitgemäßem Design. Die Möblierung schafft Orte der Begegnung und Reflexion, die den historischen Charakter des Weges bewahren und gleichzeitig modern interpretieren.
Team
Ausloben
Grün Berlin GmbH
Konzept und Entwurf
Winfried Schneider, Susanne Lüschen (Dipl. Arch SIA)
Beratung Statik
Timbatec Ingenieure Zürich
Konzept
Die dargestellte Auswahl zeigt die formale und konstruktive Logik der Möbellinie. Ausgangspunkt ist eine prägnante Grundfigur, entwickelt aus einem eingedrückten, abgerundeten Volumen. Diese Geometrie erzeugt Beinfreiheit, Standfestigkeit und eine klare einladende Geste. Durch die lineare Extrusion entsteht ein Körper, der bewusst als Teil eines gedanklich fortlaufenden Elements lesbar bleibt. Linearität bildet dabei das elementare Prinzip des Entwurfs. Kontinuität, Rhythmus und räumliche Unendlichkeit werden nicht grafisch behauptet, sondern konstruktiv und körperlich erfahrbar gemacht.
Alle Möbeltypen folgen diesem gemeinsamen formalen Ansatz. Monolith, Bank, Varianten mit Rückenlehne und Armlehnen, Hocker, Tisch und Rundbank sind eindeutig miteinander verwandt. Diese konsequente Verwandtschaft erzeugt Wiedererkennbarkeit und schafft Identität entlang eines Weges, der selbst von räumlicher Vielfalt geprägt ist. Unterschiedliche Situationen werden nicht durch neue Formen beantwortet, sondern durch präzise Variationen innerhalb eines konsistenten Systems.
Die Konstruktion versteht sich als integraler Bestandteil des Konzepts. Materialausschnitte reduzieren Masse, erhöhen Transparenz und unterstützen die angestrebte Leichtigkeit der Körper. Stahl als Grundmaterial verbindet Dauerhaftigkeit, Präzision und vollständige Rezyklierbarkeit. Das eingelaserte Muster erweitert die Möbel um eine zusätzliche Wahrnehmungsebene. Es erzeugt Tiefe, Licht- und Schattenwirkung sowie eine differenzierte Beziehung zwischen Objekt, Raum und Nutzung.
Die Systemlogik erlaubt lineare Reihungen, solitäre Setzungen und vielfältige Kombinationen. Möbel werden zu räumlichen Markierungen innerhalb der linearen Struktur des Mauerwegs. Linearität bleibt dabei nicht nur ein formales Motiv, sondern die tragende räumliche Idee, welche die gesamte Möbellinie zusammenhält.
Das Muster wurde von Beginn an über die reine Objektgestaltung hinaus gedacht. Es fungiert nicht nur als konstruktives und atmosphärisches Element, sondern auch als identitätsstiftendes Zeichen. Die dargestellten Anwendungen am Ende verdeutlichen die Übertragbarkeit dieser grafischen Ebene auf Kennzeichnungen, Kommunikationsmedien und begleitende Produkte. Dadurch entsteht eine konsistente visuelle Sprache, die Objekt, Ort und Wahrnehmung miteinander verbindet.
Research & Entwurfsprozess
Der Entwurfsprozess begann mit einer radikal partizipativen Idee. Vorgesehen waren Möbel aus Beton, die einen Mitwirkungsprozess der Anwohner integrieren. Kleine Gegenstände aus dem jeweiligen Quartier sollten während der Herstellung in die Schalung eingebracht werden. Durch das anschließende Schleifen der Oberflächen wären diese Spuren sichtbar geworden. Jede Bank hätte so eine reale, materielle Verankerung im sozialen Kontext ihres Standorts erhalten. Der Ansatz verstand sich als basisdemokratische Geste und als bewusster Gegenpol zur historischen Bedeutung der Mauer.
Die Recherche bildete dabei die konzeptionelle Grundlage des Entwurfs. Historische Fotografien des Mauerbaus zeigen eine rohe, unmittelbare Materialität. Beton, Stein, temporäre Konstruktionen und improvisierte Elemente prägen das Bild der Grenze. Parallel dazu dokumentieren Aufnahmen des Alltags an der Mauer den menschlichen Umgang mit dieser Situation. Provisorische Leitern, Podeste und einfache Holzkonstruktionen erscheinen als Werkzeuge der Aneignung, der Überwindung und der Beobachtung.
Parallel dazu flossen funktionale Anforderungen in die Weiterentwicklung ein. Aspekte des Design for All führten zur Integration von Rücken und Armlehnen sowie zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Ergonomie, Nutzung und Zugänglichkeit.
Aus den Beobachtungen der Recherche entstand die Idee, Holz als materiellen und atmosphärischen Gegenpol zu untersuchen. Die weiteren Entwurfsvarianten analysierten unterschiedliche konstruktive und räumliche Richtungen. Lineare Stahlgestelle standen im Dialog mit massiven Baumstämmen. Holzkonstruktionen wurden als bewusst körpernahe, weichere Elemente entwickelt. Diese Ansätze greifen die in der Recherche sichtbar gewordene Logik der temporären Hilfskonstruktionen auf. Materialität wird damit Teil der historischen Lesart und nicht ausschließlich funktionale Entscheidung.
Am Ende wurde die Materiallogik des Ortes konsequent weitergeführt. Die Anlehnung an Gedenkstätten und Orientierungsstelen führte zum Einsatz von rostendem Stahl als Bestandteil der Erinnerungskultur.
Diese Entscheidung verschiebt die Gewichtung bewusst. Der reduzierte Sitzkomfort verstärkt die Nähe zum historischen Kontext. Das Möbel erscheint nicht nur als Objekt des Aufenthalts, sondern als Teil der räumlichen Erzählung.
Der Entwurfsprozess beschreibt damit die Verdichtung von sozialen, materiellen und historischen Überlegungen zu einer systemischen Lösung.